Kunterbunt

Was bringt Wahrheit?

17. Juni 2016 0 Kommentare

So auf den allerersten Blick ist man versucht zu glauben, dass Wahrheit glücklich machen kann. Allerdings: Wer konsequent die Wahrheit sagt, sorgt leider häufig für kommunikatives Unglück!

Bei der Wahrheit handelt es sich um ein kostbares Gut – behaupten die Einen. Andere wiederum sind überzeugt, dass es sie gar nicht gibt. Aus der Glücksperspektive scheint die Sache allerdings ziemlich klar zu sein: Wahrheitsfanatiker haben ihre liebe Not im gesellschaftlichen Alltag. Wer zum Beispiel seinem Gegenüber so einfach sagt, dass sein Kleidungsstil nicht passt oder die Frisur unvorteilhaft ist, der kriegt schnell ein Problem. Wer sagt, was er denkt, macht jedenfalls sich selbst und sein Umfeld nicht wirklich glücklich! Charmeure, die es mit der Wahrheit nicht genau nehmen, kommen deutlich besser an. Sie verteilen Balsam für das Selbstbewusstsein, verteilen Glück und Zufriedenheit – und machen als Draufgabe gar nicht selten Karriere damit.

In diesem Zusammenhang stellt sich eine wichtige Frage: Gibt es die Wahrheit überhaupt? Diese Frage beantwortete der in Wien geborene und im Jahr 2002 in den USA verstorbene Biologe und Physiker Heinz von Förster, einer der Begründer der Denkrichtung des so genannten Konstruktivismus, mit einem klaren „Nein“.

Vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse liegt er damit nicht so falsch: Unser autobiografisches Gedächtnis ist nicht – wie meist angenommen – ein wohl geordnetes Archiv, es sorgt vielmehr dafür, dass wir uns, wie Professor Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld sagt, in der Gegenwart und in der Zukunft gut orientieren können. Das, was dazu notwendig ist, wird gespeichert. Also oft auch Fakten ein, die selbst gar nie real erlebt worden sind. Das Gedächtnis greift etwa auf Filmszenen, einprägsame Schilderungen Anderer und gar nicht selten auf eigene Übertreibungen von realen Situationen zurück, die im Laufe der Zeit die Konturen von Wirklichkeit bekommen. Das „False-Memory-Syndrom“ verändert bei fast allen Menschen in unterschiedlicher Intensität den Rückblick auf das eigene Leben.

Nicht nur das: Auch in der täglichen Kommunikation gibt es so etwas wie einen Höflichkeits-Kompromiss im Umgang mit der Wahrheit. Man darf gar nicht alles sagen, was man für die Wahrheit hält. Vielleicht auch deshalb, weil es möglicher Weise gar nicht die Wahrheit ist.

HR

Foto: Geralt/ pixabay.com

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