Schule

WEGE zum Glück

11. Januar 2017 0 Kommentare
WEGE – seit über 25 Jahren Österreichs größtes, unabhängiges Magazin für bewusstes Leben, Denken und Handeln bringt in der aktuellen Ausgabe einen großen Artikel über „Glück in der Schule“.

Das Magazin WEGE ist eine feine Adresse für Qualitäts-Journalismus in Österreich. Eine große und anspruchsvolle Leserschar schätzt Artikel und Interviews zu den Themenkreisen Philosophie, Psychologie und Lebenshilfe, die stets auch von ausdrucksstarker Bildsprache begleitet werden. In der aktuellen Ausgabe widmet man sich dem, das wir so ganz besonders mögen – nämlich der Freude. In diesem sehr positiven und anregenden Umfeld findet sich auch eine große Story von Eva Chibici-Revneanu & Christa Spannbauer zum Glück, das in der Steiermark seit einigen Jahren tatsächlich auch erfolgreich Schule macht.

glueckszeitung.at dankt WEGE dafür, dass dieser Artikel auch im vollen Umfang hier erscheinen kann. Mehr über WEGE finden Sie auf http://www.wege.at.

 

Glück macht Schule

Dass in der Kindheit entscheidende Weichen fürs ganze Leben gestellt werden, ist unumstritten. Ein pädagogisches Erfolgsprojekt in der Steiermark setzt hier an und zeigt jungen Menschen bereits ab der Volksschule, wie sie ihr Lebensglück selbst in die Hand nehmen können.

Was macht uns wirklich glücklich? Schwer zu sagen, ist doch das Glück etwas zutiefst Individuelles. Manche finden es im Familienleben oder in der Natur, andere indem sie musizieren, meditieren, handwerken, schifahren, die Welt bereisen oder Bilder malen. Man könnte es aber auch allgemeiner definieren: Glücklich ist, wer sich körperlich, seelisch und geistig wohl fühlt, ausreichend soziale Kontakte hat und mit seinem Leben durchwegs zufrieden ist. Voraussetzungen dafür sind ein gesundes Selbstbewusstsein, Selbstwert, lebendige Beziehungen zu anderen, die Fähigkeit zur Empathie bzw. Kommunikation – und diese Kompetenzen können sich am besten entwickeln, wenn man sie schon in der Schule lernt.

Unterrichtsfach

Im Jahr 2007 konzipierte der Heidelberger Pädagoge Ernst Fritz-Schubert ein eigenes Unterrichtsfach namens „Glück“ und integrierte es in den Stundenplan seines Wirtschaftsgymnasiums. Innerhalb kürzester Zeit zeigte sich, „dass glückliche Schüler leichter lernen, weniger streiten, kreativer sind und wissen, worauf es im Leben ankommt“, erzählt der Schulleiter. Zwei Jahre später landete das Glück auch in der österreichischen Schullandschaft: Der steirische Landesschulrat startete 2009 in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Steiermark das Pilotprojekt „Glück macht Schule“ an sechs verschiedenen Schultypen, also bei SchülerInnen zwischen 6 und 19 Jahren. Heute wird das „Glück“ bereits an 130 steirischen Schulen gelehrt, und zwar in unterschiedlichster Form: als regelmäßiges Unterrichtsfach „Glück“, als „Unverbindliche Übung “, integriert in andere Fächer oder konzentriert auf einzelne Projekttage oder -wochen.

„Die Ergebnisse sind höchst erfreulich“, berichten die Initiatoren des Projekts. Wie jedes Jahr wurde auch 2016 eine Umfrage an den teilnehmenden Schulen gestartet, die kürzlich ausgewertet wurde. Darin gaben die meisten SchülerInnen an, der Glücksunterricht hätte wesentlichen Einfluss auf die Besserung des Klassenklimas, die Vertrauensbasis wurde vertieft – sowohl unter den MitschülerInnen, als auch zu den Lehrkräften. Die meisten haben auch festgestellt, dass ihr Selbstwert und ihre Eigenverantwortung deutlich zugenommen haben.

Bestätigt wird dies von den Rückmeldungen der Pädagogen, die ihre Schüler als selbstbewusster und sensibler im Umgang mit eigenen und den Gefühlen anderer wahrnehmen. Nicht zuletzt dient das Unterrichtsfach „Glück“ damit auch als Maßnahme zur Gewalt- und Suchtprävention.

Bausteine

Wodurch wurde all das erreicht? Die Inhalte und Methoden des Glücksunterrichts variieren von Schule zu Schule und richten sich natürlich auch nach dem Alter der Kinder. Der Fokus liegt aber immer darauf, was junge Menschen stärkt: Wertschätzung, Respekt, Unterstützung beim Finden ihrer Stärken und Potenziale, körperliche und psychosoziale Gesundheit. Um den Kindern und Jugendlichen die Werkzeuge für ein glückliches Leben in die Hand zu geben, wurden sechs thematische Bausteine für den Unterricht im Glücklichsein definiert:

  1. Freude am Leben – seelisches Wohlbefinden: Übungen, die Optimismus und ein positives Selbstbild stärken und damit auch die Lebensfreude erhöhen.
  2. Freude an der eigenen Leistung: Anstrengung und Einsatz bringen positive Gefühle.
  3. Ernährung – „Brain Food – Slow Food – Mood Food“: Infos über Nahrungsmittel, welche die Gehirnleistung, die Esskultur und die Stimmung beeinflussen, sowie gemeinsame Mahlzeiten und Sinnesschulungen.
  4. Der Körper in Bewegung: Sport und Bewegungsspiele steigern das Wohlbefinden, den Selbstwert und dienen zudem als Aggressionsventil. Ein wichtiger Faktor ist auch das „Lernen in Bewegung“.
  5. Der Körper als Ausdrucksmittel: Theaterpädagogische Elemente stärken die Persönlichkeit der Schüler und können in allen Fächern angewandt werden. Weitere Themen sind Körpersprache und die „heilende Kraft des Singens“.
  6. Das Ich und die soziale Verantwortung: Soziale Kompetenz wie Kommunikation und Konfliktbewältigung, Teamfähigkeit und Teambuildung trainieren.

„Am liebsten hätten wir jeden Tag Glücksunterricht!“ In der Begeisterung für das Glücksfach sind sich die Schüler eines Grazer Gymnasiums einig. Sie alle spüren eine deutliche Steigerung von Lebensfreude und Lebenskompetenz – und nicht nur das: „Die Glücksstunden geben mir viel mehr Kraft zum Lernen“, bemerkt die 15- jährige Katrin. Damit bestätigt sie auch die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Glück messbar die Freude am Lernen und die Leistungsfähigkeit erhöht.

Präventive Wege

Einen Nährboden für die Idee des Glücksunterrichts schuf u.a. Aaron Antonovsky in den 1970er-Jahren mit seinem Ansatz der „Salutogenese“. Er empfahl Medizinern, sich nicht ausschließlich auf die Heilung von Krankheiten (Pathogenese) zu konzentrieren, sondern mehr nach präventiven Wegen zu suchen, um Krankheiten von vornherein zu vermeiden. Martin Seligman legte diesen Fokus später auch bei der Psychologie an: die „Positive Psychologie“ will die Persönlichkeit der Menschen so stärken, dass psychische Probleme erst gar nicht entstehen.

Genau in diese Richtung zielen auch die vielen spielerischen Übungen, die bei „Glück macht Schule“ zur Anwendung kommen. Da werden die Mädchen und Burschen zum Beispiel ermutigt, ein eigenes Glückstagebuch anzulegen, in das sie täglich ihre positiven Erfahrungen und Begegnungen eintragen. In der „Schatzkästchen“- Arbeit, die in der Sekundarstufe als „TalentePool“ eingesetzt wird, analysieren die SchülerInnen ihre Stärken und Fähigkeiten, aber natürlich auch ihre Schwächen. In der Weiterarbeit wird der Fokus jedoch auf „Stärken stärken“ gelegt, da das Wissen um die eigenen Talente und Begabungen nicht nur fürs Schulleben, sondern auch für den weiteren Lebensweg von großer Bedeutung ist.

Konflikt-Arbeit

Bei Rollenspielen zur Kommunikation und Konfliktbewältigung setzen sich die SchülerInnen mit der unterschiedlichen Wahrnehmung derselben Situation auseinander und lernen die Zeichen der Körpersprache zu lesen und zu interpretieren. Wenn sie ihre Kommunikation gelingend führen können, folgt die „Konflikt-Arbeit“: Im Sinne einer „Win-Win-Strategie“ wird gemeinsam erarbeitet und ausprobiert, wie konstruktive Konfliktlösung funktionieren kann. Bei allen Themen – ob psychosoziale Gesundheit, Ernährung oder Bewegung – werden die praktischen Übungen auch mit altersgemäß vermittelten, theoretischen Infos ergänzt.

Ein ähnliches Projekt lief bis Mai 2016 in Südtirol: Die 1. Klasse der Volksschule Gais hatte ein Jahr lang das „Schulfach Glück“ am täglichen Stundenplan. Lehrer Ralf Stepperger schreibt in seinem Erfahrungsbericht: „Aufgrund des Projektes „Schulfach Glück“ wurde mir noch mehr bewusst, wie wichtig Empathie und selbstwirksames Handeln für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder sind. Zudem wurden meine Unterrichtsstunden durch die auflockernden und gemeinschaftsfördernden Übungen bereichert. Sie stellten oftmals entspannungsfördernde und angenehme Momente dar, die auch für ein späteres, konzentrierteres Weiterarbeiten förderlich waren.“

Streichelgasse

Eine der Übungen zur Stärkung der kindlichen Lebensfreude heißt „Streichelgasse“: Die Schüler bilden eine Gasse, die jedes Kind einmal durchschreiten darf und dabei von allen anderen gestreichelt wird. Die körperliche Streicheleinheit kann auch mit wertschätzenden Aussagen bereichert werden. „Die Kinder lieben diese Übung! Sie können gar nicht genug davon bekommen“, erzählt Stepperger. Ähnlich beliebt ist auch die „Warme Dusche“: Ein Kind setzt sich mit dem Rücken zu allen Mitschülern – und dann ruft jeder das Kind beim Namen und sagt ihm, was er oder sie besonders an ihm schätzt. Das stärkt das eigene Selbstvertrauen, fördert zugleich aber auch Zusammenhalt und Vertrauen innerhalb der Klassengemeinschaft. Außerdem bekommen die Schüler regelmäßig die Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken: Sie malen Bilder von Dingen, die sie glücklich machen, geben ihren Herzenswünschen singend Ausdruck oder zeichnen ihr Krafttier. All das steigert natürlich nicht nur das Wohlbefinden der Kinder, sondern auch das des Lehrers…

Dass es glückliche LehrerInnen braucht, um Kinder im „Glücklichsein“ zu unterrichten, liegt auf der Hand. Daher bietet die PH Steiermark seit 2009 Fortbildungen an, wo auch die Pädagogen lernen, aktiv für ihr eigenes „Glück“ (Psychohygiene) zu sorgen. Die sehr gefragten Seminare stärken deren Persönlichkeit und Selbstwert, sowie ihre Kompetenz in der Kommunikation und Konfliktlösung. Aktuelle Umfragen zeigen, dass sich immer mehr Lehrkräfte von enormem Leistungsdruck, Stress und Burnout bedroht fühlen – hier können sie in geschütztem Rahmen ihre Batterien auffüllen, erhalten Wertschätzung und neue Motivation für ihre wichtige Arbeit.

Beziehung

Wie sehr eine ausgeglichene Lehrer- Persönlichkeit die Lernfreude junger Menschen beeinflusst, belegte eine groß angelegte Bildungsstudie des australischen Pädagogen John Hattie. Der Erziehungswissenschaftler sammelte die Feedbacks von 250 Millionen SchülerInnen und analysierte sie 2008 in seinem Buch „Visible Learning“. Kaum erschienen, elektrisierten seine Aussagen die pädagogische Welt – hatte er doch aus dem Datengebirge eine zentrale Botschaft zutage gefördert: Wie gut, wie viel und wie gern Schüler lernen, hängt hauptsächlich von ihrer Beziehung zum Lehrer ab! Alle anderen Einflussfaktoren – etwa materielle Rahmenbedingungen, die Schulform oder spezielle Lehrmethoden – sind im Vergleich dazu nur zweitrangig. Von ausschlaggebender Bedeutung, so Hattie, seien die emotionale Zuwendung, der Respekt und die Wertschätzung seitens der Lehrperson. Ohne diese, so belegt er mit eindrucksvollen Zahlen, könne Unterricht nicht gelingen.

Bei all dem pädagogischen Glücks-Engagement darf aber nicht vergessen werden, dass Mutter und Vater für jedes Kind die wichtigsten und prägendsten Bezugspersonen sind. Daher werden in der Steiermark auch die Eltern mit einbezogen: In Glücksseminaren lernen sie, sich auch um ihr eigenes Wohlbefinden zu kümmern, das ganz entscheidend zum Glück ihrer Kinder beiträgt. Das Glück junger Menschen zu fördern, ist eine wertvolle Investition in die Zukunft.

Glückliche Menschen sind toleranter, großzügiger und begegnen ihren Mitmenschen mit weit weniger Misstrauen als unzufriedene Menschen. Eine optimistische Lebenseinstellung, so bestätigten die Forschungen aus der Positiven Psychologie, trägt zum Gemeinwohl bei. Familie, Freunde, Bekannte und letztlich die ganze Gesellschaft profitieren davon.

Eva Chibici-Revneanu & Christa Spannbauer

http://www.wege.at.

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