Kunterbunt

Wunderwerk Ohr

1. März 2017 0 Kommentare
Die Ohren sind enorm wichtig für das menschliche Glück. Deshalb widmen wir ihnen bis zum Welttag des Hörens eine Kurzserie! Teil 1: Wie funktionieren sie?

Unser Gehör ist ein großartiges Wunderwerk voll technischer Raffinesse und sozialer Kraft. Aus Gründen, über die wir nur spekulieren können, ist es beim menschlichen Embryo so früh wie kein anderes Organ praktisch fertig gestellt – das im Ohr für das Hören zuständige Labyrinth mit der Schnecke (Cochlea) nimmt bereits zur Hälfte der Schwangerschaft seine Arbeit auf. Und das noch dazu in seiner endgültigen Größe! Der unfertige Mensch ist in allem von der Mutter abhängig, nur eines will er unbedingt selbst, wie der deutsche Publizist, Musikproduzent und Klangphilosoph Joachim Ernst Berendt eindrucksvoll beschreibt – „nämlich so schnell wie möglich hören“. Das ist nicht der einzige Hinweis darauf, dass der auditiven Abteilung im Unternehmen homo sapiens eine ganz außerordentlich bedeutsame Aufgabe zukommt. Das Hören, so sagt uns die Sterbeforschung, ist auch der letzte noch tätige Sinn des Menschen.

Hinter dem Portal der Ohren wird also schon lange vor dem „offiziellen“ Lebensbeginn bis hin zum allerletzten Atemzug gearbeitet. Das alles in einer unvergleichbaren Verlässlichkeit pausenlos, Tag und Nacht, rund um die Uhr. Die Evolution hat diese Schlüsselrolle der fleißigen, hoch sensiblen Alarmanlage des Menschen mit klaren Rahmenbedingungen versehen – ein verschließbares Tor nach Art der Augenlider steht an diesem Sinneseingang nicht zur Verfügung. Wenn der Mensch schläft, bleibt sein Gehör wach, um ihn zu beschützen.

Dieser treue Wegbegleiter des Menschen verfügt über grandiose Fähigkeiten, derer wir uns kaum bewusst sind. Und er ist überraschender Weise dem Auge – dem Sinn, der als die klare Nummer eins im Reich der Wahrnehmung gilt – in vielerlei Hinsicht sogar weit überlegen. So sind wir in der Lage, in einer gewaltigen Bandbreite von rund zehn Oktaven zu hören. Das Auge bewältigt in seinem „Geschäft“ gerade einen Bruchteil davon. Aber auch das Erkennen von unterschiedlichen Reizen gelingt dem Ohr um sieben Mal schneller als dem flotten Auge.

Jene (im konkreten Fall optische) Täuschung, die Bildern plötzlich Leben einhaucht – wir nennen das Kino – ließen sich die Ohren nicht so einfach gefallen. Während das Auge bereits 24 Bilder pro Sekunde als Film erlebt, also ineinander fließen lässt, wären theoretisch weit mehr klingende Kleinstbilder (Phoneme) notwendig, um unsere hörende Alarmanlage zu überlisten.

Lange Zeit meinte man, die Geschlechtsorgane hätten die intensivste Nervenkonzentration des menschlichen Körpers, um die Lust an der Arterhaltung zu beflügeln. Seit geraumer Zeit wissen wir, dass diese Dichte im Innenohr gar noch drei Mal größer ist. Dort steht also die geballte Sensibilität zur Verfügung, die wohl auch unsere Leidenschaft im Umgang mit Musik erklären kann.

Das Ohr spielt jedenfalls eine mehrfach abgesicherte Sonderrolle, die uns gar nicht so bewusst ist. Diese High-Tech-Ausstattung vom Allerfeinsten ist, wie gesagt, wahrscheinlich vor allem einmal in Richtung Sicherheit angelegt. In der Urzeit des Menschen war das Wahrnehmen eines leisen Knickens im Geäst – vielleicht sogar während des Schlafes – lebensrettend. Man konnte sich damit rechtzeitig vor einem Raubtier in Sicherheit bringen. Unsere Vorfahren lebten in enger Beziehung mit den Geräuschen der Natur, die sie sehr genau zu deuten wussten. Heute verkümmert dieses Talent in unseren Breiten, denn nur noch sechs Prozent der hörbaren Geräusche entstammen der Natur; früher waren es fast alle.

AZ/ Foto: GZ

Morgen die nächste Folge: Warum die Welt das Zuhören braucht.

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