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Omis im Herzen

27. April 2017 0 Kommentare
Vollpension
Evelyn Pammer beschreibt in einer berührenden Story das „Oma-Glücksgefühl“ und ein Kaffeehaus in Wien, wo man es auch wunderbar erleben kann.

Unglaublich fasziniert war ich als kleines Mädchen von den Lesekünsten meiner um drei Jahre älteren Schwester, die im Gegensatz zu mir schon zur Schule gehen durfte, sodass ich ihr ziemlich auf die Nerven ging, sie möge mir doch das Lesen beibringen. Geduldig wie sie ist, hat sie es tatsächlich getan und geschafft. So konnte ich bereits vor Schuleintritt halbwegs lesen. Ein wesentlicher Antrieb dafür war die Neugierde auf Omas Post, ganz besonders die schönen Briefe und Postkarten, die sie von ihren Kindern und Enkelkindern regelmäßig aus der großen weiten Welt bekam, denn Telefon gab es keines in ihrem Haus!

So hatte ich mir bald das exklusive Recht ausbedungen, meiner fast schon erblindeten, knapp 80-jährigen Oma die Post vorzulesen. Das mit der großen weiten Welt stellte nur ich mir so vor, denn de facto wohnten die Kinder in einem Umkreis von 10 bis 100 km. Mächtig stolz war ich, diese wichtige Aufgabe übertragen bekommen zu haben, gleichzeitig freute sich Oma über meine täglichen Besuche. Und natürlich zog ich nur ganz selten ohne süße Belohnung von dannen.

Kennt ihr das auch, dieses „Oma-Glücksgefühl“? Die Kleiderschürze, das Gmundner Keramik-Geschirr, ihr Lieblingssessel, und jeden Samstag eine selbstgebackene Torte. Wie schade, dass ich ihre Backkünste nicht geerbt habe. Leider starben meine beiden Omis schon als ich acht bzw. zehn war. Umso kostbarer (und vermutlich auch verklärter) sind die wenigen Oma-Momente, die ich in Erinnerung behalten habe.

Inzwischen hat es mich mehrmals in die wirkliche große weite Welt verschlagen, die Omis im Herzen immer mit dabei. Die Reise in den Himmel war vermutlich die größte Reise ihres Lebens. Während sie sich in den Wolken sesshaft gemacht haben, habe ich selbiges in Wien getan. Ganz besonders liebe ich die unzähligen berühmten und weniger berühmten Cafés in Wien. Fast wie eine Kaffeehaustesterin koste ich mich von Frühstück zu Frühstück.

Schon oft hatte ich von der Vollpension gehört, heute habe ich es endlich hingeschafft – und da war es plötzlich wieder, dieses „Oma-Glücksgefühl“! Der Sessel, die Tassen, die Dekoration, der Filterkaffee, das Schwarzbrot, die Omas am Backen, die Mundart der Kellner – wia dahoam! Meine Omis kamen nie in die große weite Welt, aber inzwischen kommt die große weite Welt zu den Omis. Am großen „Kuchltisch“, an dem ich Platz nahm, mischte sich Französisch und Englisch mit Slowenisch und Mühlviertlerisch.

Die Vollpension in der Schleifmühlgasse 16 im 4. Bezirk ist ein Generationencafé, das versucht, Alt und Jung einander wieder näherzubringen. Was früher, zu Omas Zeiten, in Mehr-Generationen-Haushalten noch selbstverständlich war, braucht nunmehr Impulse. Mehr als 60 Prozent der Beschäftigten der Vollpension sind älter als 55. Neben den in der Tat lebensnotwendigen sozialen Kontakten schafft die Möglichkeit eines Zuverdienstes Schutz vor Altersarmut und Vereinsamung.

 

Café Vollpension

Schleifmühlgasse 16, 1040 Wien

www.vollpension.wien

+43 1 5850464, info@vollpension.wien

Öffnungszeiten: Di – Do 9:00 – 22:00, Fr & Sa 9:00 – 0:00, So 9:00 – 20:00, Montag Ruhetag

FOTO: Evelyn Pammer

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