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Das Bruttonationalglück

11. Juni 2017 0 Kommentare
glueckszeitung.at-Redakteurin Evelyn Pammer über Glück und Wohlergehen als Ziel einer nachhaltigen Entwicklung.

Die Glücksforschung ist eine relativ junge Disziplin, ihre Kernfrage „Was ist Glück und was macht Menschen glücklich?“ aber vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Wenn hier von Glück die Rede ist, sei nicht der Lottogewinn, das Zufallsglück, sondern das Lebensglück, eine tief empfundene Zufriedenheit, der Sinn im Leben gemeint. Ziemlich einhellig kommt die Forschung zu dem Ergebnis, dass einige Rahmenbedingungen wie ein Dach über dem Kopf oder ein Plus am Konto dem Glück wohl zuträglich sind, allerdings noch keine hinreichende Erklärung liefern, weshalb – aus unserer westeuropäischen Sicht – materiell arme Menschen dennoch zutiefst zufrieden sein können.

Der glückliche Reichtum erschöpft sich also nicht in Ferrari, Finka und Fashion. Wir wissen das ja eigentlich, wir spüren intuitiv, dass uns ein Abend mit Familie und Freunden nachhaltigere Glücksgefühle beschert als ein Paar neue Schuhe. Die Krux ist, dass sich diese „Mikromomente der Liebe“ (Barbara L. Fredrickson) nur sehr schwer in Zahlen gießen lassen, was es schwierig macht, Handlungsempfehlungen – für die Politik – abzuleiten.

„Unser Bruttosozialprodukt findet in seiner Rechnung keinen Platz für die Gesundheit unserer Kinder, die Qualität ihrer Erziehung oder ihre Freude am Spiel. Es berechnet weder die Schönheit unserer Poesie noch die Integrität und Würde unserer Amtsträger. Es misst auch nicht unsere Schlagfertigkeit noch unseren Mut, weder unsere Weisheit noch unser Lernen, weder unser Mitgefühl noch unsere Hingabe an unsere Nation. Das Bruttosozialprodukt misst alles – nur nicht das, was das Leben lebenswert macht“   – Robert F. Kennedy (1968).

Möglicherweise war Robert F. Kennedy Inspiration für den damaligen König im „Reich des Donnerdrachens“, der 1979 den Begriff des Bruttonationalglücks prägte. Eines der schwerwiegendsten Probleme am Messsystem BIP ist, dass jede Produktionssteigerung als positiv gewertet wird, ungeachtet der Auswirkungen auf die Menschen, auf den Lebensraum – wie beispielsweise Waffenproduktion oder Umweltverschmutzung.

Bhutans starke buddhistische Prägung spielt eine wesentliche Rolle dabei, den Zustand des Landes und vor allem seiner Bevölkerung nicht mehr nur über das Wirtschaftswachstum zu messen. Das Bruttonationalglück geht von der Prämisse aus, dass das Überleben unseres Planeten – und damit der Menschheit – nicht nur von materiellen, sondern ganz wesentlich auch von kulturellen, sozialen, spirituellen Parametern abhängen wird. Oder anders gesagt: Das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung muss das Glück und Wohlergehen aller Lebewesen sein. Bhutan nimmt das sehr ernst und schrieb sich 2008 das Grundrecht auf Glück in die Verfassung. Nur um ein Beispiel zu nennen, was politisches Handeln nach diesem Wertesystem in der Praxis bedeutet: Weil man zu dem Schluss kam, dass sich Bhutans Mitgliedschaft in der WTO negativ auf die Bevölkerung auswirken würde, hat man diese abgelehnt.

Nun zu glauben, dass es in Bhutan ausschließlich glückliche Menschen gäbe, ist natürlich ein Irrglaube. Denn wie schon angedeutet, spielen Rahmenbedingungen eine gewisse Rolle, sie machen aber nicht automatisch (un)glücklich. Das Bruttonationalglück vermag genauso wenig alle Probleme zu lösen, aber es denkt Alternativen und ist definitiv ein Ansatz, der Aufmerksamkeit verdient.

Dieser Text von Evelyn Pammer erschien auch als Gastbeitrag auf zukunftsrezepte.at.

http://www.zukunftsrezepte.at/blog/glueck-ist-zukunft-zukunft-ist-glueck/

Unser Bild: Es geht um ihre Zukunft: glückliche Kinder in Bhutan. Foto: vasukibelavadi, pixabay.com

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