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Ein Dorf voll Kunst und Glück

11. Oktober 2017 0 Kommentare
glueckszeitung.at-Autorin Claudia Chibici-Revneanu, Professorin an einer Universität in Leon (Mexiko) lädt uns zu einer beglückenden Forschungsfahrt nach Tlatlauquitepec ein, dem aufregenden Dorf der Musik und Dichtkunst.

Mexiko – das Land mit den Drogenkämpfen. Das Land mit dem schrecklichen Erdbeben. Und dennoch, wie man inzwischen weiß, auch ein Ort an dem viele Menschen sehr glücklich sind. Ich lebe nun schon seit mehr als 11 Jahren in Mexiko und verstehe immer wieder aufs Neue, warum das so ist. Gemeinschaft ist sehr wichtig, Freunde und Familie, das Feiern und das Genieβen des Lebens wird so richtig „ernst genommen“ – auch wenn wenig Geld dafür da ist. Als ich vor wenigen Wochen in das Dorf Tlatlauquitepec im (leider schwer vom Erdbeben betroffenen) mexikanischen Staat Puebla fuhr, verstand ich es noch etwas mehr.

Seit mehreren Jahren forsche ich nicht nur zum Thema Schreiben und Glück, sondern versuche auch, „vergessene“ oder wenig bekannte Komponistinnen der Öffentlichkeit näher zu bringen. Also landete ich in diesem kleinen, idyllischen Ort, auf den Spuren der Schwester des berühmten, verstorbenen Ex-Superstars der mexikanischen Musikszene, Augustín Lara.

Während der Komponist und Sänger vieler beliebter romantischer Lieder – man nennt sie Boleros – sein Publikum eroberte, blieb seine Schwester, María Teresa Lara mit ihrem Mann, Nicanor Guzmán, in Tlatlauquitepec. Von dort aus schrieb sie, wie es heißt heimlich, viele seiner berühmt gewordenen Lieder. Dennoch weiß man bis heute fast nichts von ihr.

Also fuhr ich mit einer befreundeten Historikerin dort hin, um mehr über diese interessante Frau zu erfahren. Das gelang uns schließlich auch. Wir konnten in Erfahrung bringen, dass María Teresa Lara tatsächlich viele Liedtexte für ihren Bruder geschrieben haben soll, dass er sie oft heimlich besuchte und vor allem auch, dass sie eine sehr nette, wohltätige Frau war, die viele sehr schätzten. Doch das war nicht alles.

Bei vielen Gesprächen erfuhren wir auch, dass dieses von Bergen umgebene, scheinbar von „der Welt“ abgeschnittene Dorf die Heimat zahlreicher MusikerInnen, DichterInnen und KomponistInnen ist. Plötzlich standen wir auch in einem Restaurant deren Tische voller Noten waren und deren leider schwer kranke Inhaberin, eine der besten Freundinnen María Teresa Laras, auch selbst Sängerin war. Innerhalb weniger Tage lernten wir viele weitere bemerkenswerte Menschen kennen –die sich alle auf verschiedenste Weise der Musik und der Kunst verschrieben haben. Wir hatten einen Ort unglaublicher musischer Begabungen und ganz besonderer Kreativität entdeckt!

Tlatlauquitepec hat nicht nur uns Forscherinnen beglückt, wir konnten dort auch feststellen, dass Glück im Leben der Menschen eine wichtige Rolle spielt. Es wird gelebt und kultiviert. Besonders beeindruckte uns ein geradezu liebevoller Umgang mit der Vergangenheit und die Begeisterung der Einwohner für ihre Heimat. Ein Neffe von María Teresa Lara, Jorge Guzmán, hat zum Beispiel mit sehr viel Sorgfalt und Leidenschaft sein eigenes, kleines Museum eingerichtet – „El Rincón de los Recuerdos“/ „Die Ecke der Erinnerung“. Germán Lucovico hat eine aufstrebende Zeitung gegründet, die sich stolz den Besonderheiten von Tlatlauquitepec widmet.

Am meisten faszinierte uns jedoch die groβe Gastfreundschaft und Wärme der Menschen von Tlatlauquitepec. Sie nahmen sich viel Zeit für uns, erzählten uns aufregende Geschichten, führten uns durch das Dorf und ließen uns den besten Kaffee und die feinsten Köstlichkeiten der Gegend probieren. Warum? Weil die Leute von Tlatlauquitepec sich sehr darüber freuten, dass wir uns für ihr Dorf interessierten. Und wohl auch, weil sie merkten, dass wir von ihrem Leben mit Muse und Glück sehr, sehr viel lernen können.

Foto: CCR

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