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Ohrenschmaus

7. Dezember 2017 0 Kommentare
Glueckszeitung.at-Autorin Evelyn Pammer über die Verleihung des Literaturpreises Ohrenschmaus und einen großartigen Preisträger – den jüngsten in der Geschichte dieser Auszeichnung.

(M)Ein jährlicher Glücksgarant ist seit sechs Jahren ein Abend Anfang Dezember. Einerseits aufgrund der herzlichen Begegnungen und großartigen Texte, andererseits aufgrund der so wohltuenden Erleichterung, die sich nach einem abermals gelungenen Abend in der Organisatorin breitmacht. Ein Abend, an dem der Literaturpreis Ohrenschmaus verliehen wird, ein Literaturpreis von und für Menschen mit so genannten Lernschwierigkeiten. Einer der vier HauptpreisträgerInnen heuer ist David Tritscher mit frischen 18 Jahren aus Wien – der jüngste Preisträger in der elfjährigen Geschichte des Literaturpreises. Im wahrsten Sinne des Wortes sieht er nicht seine 90prozentige Sehunfähigkeit, sondern die zehn Prozent Sehfähigkeit, womit er sehr viel aufmerksamer durchs Leben geht als viele andere.

Sein Siegertext trägt den Titel „Gefangene Gedanken“, bei der Preisverleihung gelesen vom beliebten Schauspieler Gregor Seberg. Die Laudatio hielt kein Geringerer als Franzobel.

Davids Text samt Franzobels Laudatio sei allen gewidmet, die den Eltern sagten, David würde keine zwei Jahre alt werden, allen, die David Lese- und Schreibkompetenz absprachen, allen, die David dumm nannten.

 David Tritscher: „Gefangene Gedanken.“

Manchmal läßt du die Gedanken frei und manchmal sperrst du sie ein. Gefangene Gedanken sind in deinem Kopf, doch irgendwann werden sie ziehen. Irgendwann werden sie ziehen und dann sind sie frei. Nichts hält sie noch zurück und nichts hält sie noch bei dir. Sie ziehen in die Weite hinaus, denn sie sind jetzt frei. Sind sind jetzt frei und nicht mehr gefangen.

Franzobel: Die Gedanken

Die Gedanken, meine sehr verehrten Damen und Herren, sind frei, zumindest behauptet das ein altes Volkslied. Aber vielleicht sind die Gedanken gar nicht so frei, vielleicht sitzen sie gefangen wie Kanarienvögel im Käfig unserer Köpfe und tirilieren, zwitschern oder krächzen. Vielleicht denken die Gedanken nur, dass sie frei sind, obwohl sie bloß das denken können, was jemand anderer bereits vorgedacht hat. Möglicherweise ist ja das Nachdenken nur ein Hinterherdenken von Gedanken, die längst ausgedacht, also zu Ende gedacht sind.

Die Gedanken sind so frei, so etwas zu denken und dass dies hier möglich ist, verdanke ich dem großartigen Text von David Tritscher, einem der heutigen Preisträger, der den Titel „Gefangene Gedanken“ trägt und nichts weniger macht als die gefangenen Gedanken zu befreien – auch von Sätzen, die behaupten, dass sie frei wären, die Gedanken, was sie nicht sind, so lange sie noch, wie es im Gedicht heißt, bei dir sind. Nein, wir müssen sie ziehen lassen, in die Weite hinaus müssen wir sie ziehen lassen, erst dann sind sie nicht mehr gefangen.

Schön, dass sich so ein Denken über Gedanken einem Text von einem Dichter mit Lernschwierigkeiten verdankt und damit zeigt sich vielleicht auch, dass vieles von dem, was wir über solche „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ denken, alles andere denn frei ist.

David Tritscher ist noch sehr jung und seine Ziele hat er im Lebenslauf mit kreativ arbeiten, Texte schreiben und Musik machen definiert. Er ist 1999 in Wien geboren, besitzt noch zehn Prozent Sehfähigkeit und den Rest können Sie sich vielleicht denken, darin sind Sie frei.

Ich gratuliere ihm herzlich, bedenke, äh bedanke mich für den hervorragenden Text, und wünsche ihm für seinen weiteren Lebensweg alles Gute.

Homepage: www.ohrenschmaus.net

„Literaturcafé Ohrenschmaus“ auf Facebook: www.facebook.com/literaturcafe.ohrenschmaus

Foto: Georg Scheu (www.fotoscheu.at)

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